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Auschwitz-Überlebende Erna de Vries besucht Friesenschule zum 10. Mal

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Auschwitz-Überlebende Erna de Vries besucht Friesenschule zum 10. Mal

deVries 2019

Erna de Vries hat den Holocaust überlebt. Nur wenige Menschen haben das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau lebendig wieder verlassen. Die heute im Emsland lebende Erna de Vries ist eine von ihnen. Als Zeitzeugin erzählt die Lathenerin von der Unmenschlichkeit in Auschwitz.

Seit mehr als 20 Jahren kommt sie dem Wunsch von Schulen, Universitäten und anderen Bildungsstätten nach, um jungen Menschen von ihrer bedrückenden Geschichte zu berichten. Für ihr Engagement gegen das Vergessen verlieh ihr die Gemeinde Lathen im Jahre 2004 die Ehrenbürgerschaft und zwei Jahre später erhielt die mittlerweile 95-jährige die Verdienstmedaille und später das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Heute erfüllt Erna de Vries den Auftrag ihrer Mutter: „Du wirst überleben, und dann wirst du erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Dieser Satz ihrer Mutter im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau hat Erna de Vries ihr Leben lang begleitet und war zugleich Aufforderung für sie, von den Verbrechen und Gräueltaten der Nationalsozialisten zu berichten. Hierbei stellt sie klar, dass die Motive ihres Handelns nicht „Rache und Hass " seien, sondern stets nur die „Mahnung und besonders die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft unter allen Menschen".

Zu Beginn ihres Berichts erzählt sie den ca. 70. anwesenden Schülerinnen und Schülern der Friesenschule von ihrer unbeschwerten Kindheit in der Pfalz. So erfahren die Friesenschüler, erstmals auch Schülerinnen und Schüler der MS1 von der Lebenshilfe Leer darunter, dass die 1923 in Kaiserlautern geborene Jüdin bis 1937 die Franziskanerschule besuchte und danach aufgrund der NS-Repressalien in eine jüdische Sonderklasse wechseln musste. Ihr zufolge sei nach der Pogromnacht 1938 jüdischen Kindern ein normaler Schulbesuch überhaupt nicht mehr möglich gewesen und aus diesem Grund übernahm sie dann eine Tätigkeit in der Krankenpflege. Wie viele der damals in Deutschland lebenden Juden wurde auch sie im Juli 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Obwohl die Gestapo gar keine Deportationspapiere für die damals 19-jährige Erna de Vries (geborene Korn) hatte, bestand sie darauf und bettelte regelrecht darum, ihre Mutter in das ihnen vom Radio bekannte Vernichtungslager Auschwitz begleiten zu dürfen. Wenn nicht schon zuvor zeigen gerade an dieser Stelle viele der Anwesenden merklich ihre tiefe Betroffenheit und einzelne müssen mit ihren Tränen kämpfen.

Was danach kam, sollte das dunkelste Kapitel in der Geschichte von Erna de Vries werden. Dass sie den unbegreiflichen Schrecken überlebt hat und ihn heute in Worte fassen kann, verdankt sie einer Hoffnung, die sie nie verlassen hat. Selbst an einem so hoffnungslosen und unmenschlichen Ort wie Auschwitz verlor die junge Frau Erna de Vries nie den Glauben an das Gute im Menschen – auch, weil ihr immer wieder Menschen begegneten, die diesen Glauben nährten. Nachbarn, die ihr und ihrer Mutter nach der Reichspogromnacht etwas Warmes zu essen brachten. Mitgefangene im Konzentrationslager, die ihre karge Portion Brot mit ihr teilten. „Brot war Leben in Auschwitz“, betont Erna de Vries.

Nicht weniger emotional wird es, als die Schüler erfahren, dass Frau de Vries zusammen mit etwa 600 bis 700 weiteren „arbeitsunfähigen“ Frauen selektiert und im Todesblock 25 untergebracht wurde. Sekunden bevor die Frauengruppe auf die bereits vorbeifahrenden Lastwagen zur Vergasung getrieben wurde, rief ein SS-Mann die auf Erna de Vries´ tätowierte Nummer auf und verschonte die „Halbjüdin“, da ihr Vater Protestant war, vor dem unmittelbaren Tod. Die eintätowierte Nummer trägt sie noch immer sichtbar unter der Haut ihres linken Arms: 50462. Ein Mahnmal am eigenen Körper, das mit der Zeit zwar blasser wird, seinen Schrecken aber nie verliert. Obwohl die Friesenschüler die Tätowierungen von KZ-Insassen aus ihrem Geschichtsunterrichts kennen, reagieren viele überrascht und erschrocken zugleich, als Erna de Vries ihren Ärmel hochkrempelt.

In Ravensbrück wurde Erna de Vries in das angeschlossene Siemenslager verlegt und musste dort Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. Dort blieb sie bis das Lager im April 1945 geschlossen wurde. Danach folgte der sogenannte „Todesmarsch“. Mehrere Tage lang musste sich die damals 21-Jährige mit den anderen Frauen über Wald- und Feldwege schleppen, angetrieben und überwacht von den verbliebenen KZ-Wärtern und ihrem Gebrüll. Als Erna de Vries kurz davor war, aufzugeben und einfach liegenzubleiben, wurden die Frauen von alliierten Soldaten befreit.

„Wir waren frei!“ Beinahe abrupt beendet Erna de Vries ihre Erzählung an diesem grauen Januartag in der Friesenschule. Für einen Moment bleibt es sehr still im Klassenzimmer, denn das eben Gehörte mussten die Friesenschüler erst einmal verdauen. Einige von ihnen müssen mit ihren Emotionen sichtlich ringen.

Zum Schluss nimmt sich Erna de Vries viel Zeit um die Fragen der Schüler zu beantworten. Erneut beeindruckt sie die Friesenschüler völlig. Trotz des schwierigen Themas beantwortet Erna de Vries jede Frage, wenn auch manchmal mit brüchiger Stimme, aber stets bei klarem Verstand. Bemerkenswert finden die Anwesenden insbesondere die in Teilen gewitzte, aber stets herzliche und lebensfrohe Art von Frau de Vries vor dem Hintergrund des eher bedrückenden und schwermütigen Themas. Auf die Frage nach ihrer Mutter muss auch Erna de Vries erst einmal schlucken. Sie erzählt dann von ihrer letzten Erinnerung an ihre Mutter, wie sie sich in den Armen lagen, aneinanderklammerten, miteinander weinten und wussten, dass es das letzte Mal sein würde. Sie sprachen nicht viel, aber dieser eine Satz hat sich Erna de Vries ins Gedächtnis gebrannt wie die Nummer unter die Haut ihres Arms: „Du wirst überleben und erzählen, was mit uns geschehen ist."

Genau dies tat sie am vergangenen Freitag bereits zum 10. Mal an der Friesenschule.

(Text: Inayet Erdin)

   
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