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Ich wollte noch ein Mal die Sonne sehen

Zeitzeugin Erna de Vries erfüllt den Auftrag ihrer Mutter und berichtet von ihren Erlebnissen in der NS-Zeit. Die Friesenschüler sind zu Tränen gerührt.

 

Erna de Vries hat den Holocaust überlebt und besucht seit 1996 Schulen, um jungen Deutschen von ihren Erlebnissen in der NS-Diktatur zu berichten. Damit erfüllt sie den Auftrag ihrer Mutter: „Du wirst überleben, und dann wirst du erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Diesen Satz ihrer Mutter im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau hat  Erna de Vries niemals vergessen. Selbst im Alter von 88 Jahren folgt sie dieser Aufforderung und war am vergangenen Dienstag bereits zum vierten Mal in der Friesenschule. Wie jedes Jahr ist ein Thema des Geschichtsunterrichts im 9. Jahrgang die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Um den Schülern Geschichte begreiflich zu machen und mit „Leben“ zu füllen, organisierten die GSW-Lehrer Inayet Erdin und Martin Seibt die Zeitzeuginbefragung (Oral History) mit der Jüdin Erna de Vries aus Lathen.

 

Die 1923 in Kaiserlautern geborene Erna Vries  und heute in Lathen (Emsland) lebende Zeitzeugin begann ihre fesselnde Erzählung damit, dass ihr Vater Protestant war und ihre Mutter Jüdin. Dennoch besuchte sie die Franziskanerschule und fühlte
sich sehr wohl dort, bis die NS-Repressalien gegen Juden unerträglich wurden. Da die Schulklassen „judenrein“ sein sollten, wurde sie gemeinsam mit anderen jüdischen Mitschülern in einer jüdischen Sonderklasse untergebracht. Nach der  Progromnacht 1938, die sie heute noch sichtlich bewegte und in allen schrecklichen Details präsent war,  war jüdischen Kindern ein normaler  Schulbesuch überhaupt nicht gestattet. Um ihrer Mutter finanziell unter die Arme zu greifen, übernahm sie dann eine Tätigkeit in der Krankenpflege. Nach der Enteignung und der damit einhergehenden „Arisierung“  des Familienbetriebs (Logistikfirma) mussten die damalige 15-Jährige Erna de Vries und ihre Mutter vom Ersparten leben. 

 

Am 6.Juli 1943 geschah schließlich das, was Erna und ihre Mutter Monate lang zuvor befürchtet hatten. Wie viele der damals in Deutschland lebenden Juden wurde auch sie im Juli 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Obwohl die Gestapo gar keine Deportationspapiere für die damals 19-jährige Erna de Vries hatte, bettelte sie darum, ihre Mutter in das ihnen von Radio bekannte Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau  begleiten zu dürfen – wohl wissend, was sie dort erwartet. Der Gestapo-Beamte meinte zynisch: „Sie wären auch ein schlechtes Kind, wenn Sie nicht mitgehen
würden!“ Nach sieben Tagen Transport im Viehwaggon kamen sie in Auschwitz-Birkenau, dem eigentlichen Vernichtungslager, an. Dort wurden sie desinfiziert, an allen Körperstellen rasiert und am Arm wurde ihnen eine Nummer eintätowiert, die von nun an ihre einzige Identifikation sein sollte. Wenn nicht schon zuvor, zeigten viele Schüler an dieser Stelle große Betroffenheit und Einzelne mussten mit ihren Tränen kämpfen, als sie die Nummer an ihrem linken Arm mit eigenen Augen sahen.  Die Emotionen wurden ersichtlicher, als die Schüler erfuhren, dass Frau de Vries zusammen mit etwa 600 bis 700
weiteren „arbeitsunfähigen“ Frauen nach zwei Monaten in Auschwitz-Birkenau selektiert und  im sogenannten Todesblock 25
untergebracht wurde. Nach einer kurzen, aber mit Schreien gefüllten Nacht wurden die Frauen von SS-Männern zusammengepfercht und zur Gaskammer getrieben. Zu diesem Zeitpunkt hatte Erna de Vries mit dem Leben abgeschlossen und wollte nur noch ein Mal die Sonne sehen.


Gerade als sie die ersten Sonnenstrahlen wahrnehmen konnte, hörte sie trotz der Schreie der übrigen Frauen ihre aufgerufene Nummer. Ein SS-Mann kontrollierte die Nummer auf ihrem Arm mit der auf der Liste und sagte spöttisch: „Du hast mehr Glück als Verstand!“  Somit entkam sie in letzter Sekunde der Vergasung und kam stattdessen als sogenannter „Mischling“ nach Ravensbrück, wo sie in das angeschlossene Siemenslager verlegt wurde und  Arbeitsdienst für die Rüstungsindustrie leisten musste.

 

Da später  die alliierten Truppen immer weiter vorrückten, wurde das Konzentrationslager Ravensbrück im April 1945 geräumt  und alle Lagerinsassen  Richtung Nordwesten in Marsch gesetzt. Mehrere Tage wurden sie und ihre Mitgefangenen auf
diesem „Todesmarsch“ durch das heutige Mecklenburg-Vorpommern getrieben, bis sie schließlich von den amerikanischen Truppen befreit wurden. Sie hatte tatsächlich Auschwitz und Ravensbrück überlebt und beendete ihre Erzählung: „ Da war ich endlich frei!“  

 

Die Realschüler waren sichtlich bewegt und brauchten einen Moment, um das Gehörte zu verarbeiten, bevor sie der Zeitzeugin Fragen stellen konnten. Doch auf Grund ihrer guten geschichtlichen Vorkenntnisse wurde auch die anschließende
Fragerunde gut genutzt, um noch tiefere Einblicke in das Schicksal der Erna de Vries zu erhalten. So fragten die Neuntklässler zum Beispiel nach Fluchtmöglichkeiten, dem Verhältnis unter den Häftlingen, oder dem Gefühl im Moment der Befreiung. Auch der mögliche Hass auf Deutsche war ein Thema. „Ich habe niemals Hass empfunden, was auch geholfen hat, das alles zu verarbeiten“, so Erna de Vries. Dabei betonte sie, dass es auch gute Menschen in der damals unmenschlichen Zeit gab. Ihnen hat sie es zu verdanken, dass sie heute noch die Sonne sehen kann. Für ihr Engagement gegen das Vergessen verlieh ihr die Gemeinde Lathen im Jahre 2004 die Ehrenbürgerschaft und zwei Jahre später erhielt die mittlerweile 88-jährige die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland. In diesem Monat erschien das Buch „Der Auftrag meiner Mutter. Eine
Überlebende der Shoa erzählt“, das sich dem Leben der Erna de Vries widmet.

 

Text: Inayet Erdin

 

Zeitzeugin Erna de Vries und Realschullehrer Inayet Erdin

 

Frau de Vries 1942 (im Alter von 19 Jahren)

 

   
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